Dietmar Förste
Dietmar Förste

                                                          Das letzte Hemd

 

Das letzte Hemd

 

Die fabelhafte Geschichte von dem kleinen letzten Hemd…

und wie es doch zu einer Tasche kam

 

von Kathrin Kain

 

 

 

 

Umsetzung der psychologischen Botschaft in die Hauptfigur

 

Das letzte Hemd

 

 

Wenn ich den Gedanken zulasse,
dass jedes Hemd, das ich trage, gut genug ist, das letzte zu sein...

Habe ich dann den Mut, mich zu fragen:

Was trage ich eigentlich schon heute in viel zu vielen „Taschen“ viel zu lange mit mir herum?

Welche Lasten machen mir das Leben schwer?
Was bin ich gewillt, tatsächlich loszulassen...
um Platz für den neuen Tag und die neuen Erfahrungen zu machen?
Was brauche ich noch, um daran zu reifen?
Kann ich lernen, achtsam mit mir selbst zu sein, achtsam mit all den Gewichten der Dinge?
Was zu behalten nützt mir tatsächlich?
Wann ist es Zeit, Altes loszulassen, um Neues zu haben...

Jedes Ende könnte durchaus ein neuer Anfang sein...

Doch gibt es etwas, dass ich für immer behalten darf?
Gibt es etwas, dass mir so ans Herz gewachsen ist, dass ich es niemals verlieren möchte...
Gibt es etwas, dass einfach zu mir gehört...
Gibt es etwas, dass tatsächlich nur meins ist...
auch über dieses irdische Leben hinaus?

Ja. Es gibt sie, diese Dinge... die dich und mich zu dem machen, was wir tatsächlich sind.

Es gibt sie, die ganz individuellen, persönlichen Dinge.

Und deshalb darf es ein letztes Hemd mit einer Tasche geben... und dahinein packe ich das, was zu mir gehört.
Alles, was mich wirklich berührt.
Alles, ohne das ich nicht bin.
Ich darf es einfach tun.
Heute schon.
Mein letztes Hemd darf eine Tasche haben.
Und auf deren Inhalt gebe ich jeden Tag, jeden Abend besonders acht...

 

Mit meiner Bildergeschichte möchte ich mit den Lesern auf eine tiefenpsychologische Reise gehen.

In unserer Zeit nehmen psychische Belastungen und Krankheiten wie Depressionen und Burnout zu.

Dahin führt uns unter anderen der bereits in frühester Kindheit erlernte Leistungsdruck.

Um diesen überhaupt auszuhalten, entwickeln wir unzählige Verdrängungsmechanismen

und diese spiegeln sich in Süchten, Ängsten und zwanghaften Verhalten wieder.

Eine große Rolle spielt dabei die anerkannte und in unserer Konsumgesellschaft auch geförderte und gewollte Sucht in materielle Werte.

Unerschöpfliches Wachstum, das stetige Streben nach aufgedrängtem Perfektionismus und dem ultimativen Kick in allen Lebensbereichen überfordern bereits mehr und mehr Kinder und Jugendliche.

Wir verlernen und verdrängen das Fühlen und flüchten in eine rationale Scheinwelt.

Dies führt in immer früherem Lebensalter in die  physische und psychische Erschöpfung.

Ich sehe es deshalb als eine große Notwendigkeit,

sich von den inneren und äußeren Zwängen zu befreien

und den Druck für Eltern und Kinder zu mildern.

Wer sich mit dem Tod beschäftigt, beschäftigt sich mit dem Leben.

Wir müssen über unser Leben nachdenken, wenn wir in unserem Leben etwas verändern wollen.

Wir müssen selbst wieder fühlen lernen, was uns gut tut, was uns schadet.

Mit meinem Buch möchte ich den Leser an die Hand nehmen,

um mit ihm einen ersten Schritt zum Erkennen der Zusammenhänge zu gehen.

Mit einem Buch für Kinder.
Auch für die Kinder, die sich in Gestalt Erwachsener verstecken.
Ein Buch, das die Geschichte meines letzten Hemdes erzählt.

 Die Botschaft des Buches

 

Meine Botschaft,

die mit dieser Figur in die Welt getragen werden soll,

darf den Menschen,

ja, bereits den Kindern, eine Anregung sein,

über das Sterben und damit auch anders über das Leben nachzudenken.

Das Nachdenken über unsere Endlichkeit bewirkt ganz von selbst, dass in uns ein Bedürfnis erwächst,

uns näher mit dem Leben zu beschäftigen.

Es sind die Fragen über den Tod,

die uns unweigerlich zu den Sinnfragen des Lebens führen.

 

Ja, wir Menschen sind Sinnsucher.

 

Unseren Sinn sollen wir vor allen in den Glaubenssätzen finden,

die wir durch unsere V-Erziehung mit auf unseren Lebensweg bekommen.

Unser Weltbild formt sich durch unsere Familie, unser Umfeld und unsere Bildungseinrichtungen.

Es formt sich durch Medien und Politik.

Das gibt uns Sinn.

Dabei übernimmt unser kindliches Unterbewusstsein bedingungslos

und vor allem ungeprüft

die dargereichten Meinungen, Normen und Regeln.

 

Widerstände und Trotz werden nicht geduldet.

Das nennen wir Erziehung.

Was wir unseren Kindern lernen ist vor allem ein Grundsatz:

Recht haben, recht haben wollen und recht haben müssen.

Die Erde ist übervölkert mit Rechthabern und Besserwissern.

Läuft etwas nicht gut,

wird Unrecht nie bei sich selbst gesehen.

"Schuld haben immer die anderen"

 

Unser Unterbewusstsein wird hypnotisiert durch die Glaubenssätze, die immer wieder auf uns niederprasseln.

Erziehung ist eine Massenhypnose, entsprechend dem jeweiligen System eigenen Glaubenssätzen.

 

Nur wem es gelingt, sich diesem hypnotischen Zustand zu entziehen,

kann erkennen,

dass sich ein individueller Lebenssinn dadurch ergibt,

welche Lebenserfahrungen wir selbst machen und welche Bedeutung wir diesen Dingen geben.

Es geht im Leben um mehr, als vorgefertigten Überzeugungen zu folgen.

Glaubenssätze sind Meinungen,

keine Wahrheiten.

 

Es sind die Aussteiger, die Andersdenkenden, die Rebellen oder die Individualisten,

die unter großen Protesten "der Mitläufer" neue Wege beschreiten.

Loslassen von Glaubenssätzen ist eine der schwierigsten menschlichen Aufgaben,

die wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen.

Nicht Loslassen wollen von Glaubenssätzen ist

eine der häufigsten Ursachen und Rechtfertigungen für Krieg und Zerstörung auf dieser Welt.

 

Seit dem Ausspruch von Galileo Galilei vor einem halben Jahrtausend:

„Und sie dreht sich doch… „

hat sich diesbezüglich bis heute nicht viel geändert.

Für viele soll die Erde ewig eine Scheibe bleiben.

 

Wir alle haben ein tiefes Wissen in uns.

Dieses Wissen aufzuspüren,

und genau diesem tiefen inneren Wissen zuzuhören und ihm zu folgen,

das verleiht unserem Leben

diese einzigartige Individualität,

die es verdient…

 

Es geht mir in meinem Buch nicht um Belehrung,

sondern viel mehr um das Öffnen der Gedanken zu diesem Thema in jedem einzelnen Menschen selbst.

Es geht um das Öffnen unserer Gefühle, auch um die, die weniger in eine Erfolgsgesellschaft passen.

 

Noch keinem Wesen auf unserer Erde ist es gelungen,

diese ohne seine Lebensspur zu hinterlassen.

Es gibt kein Nichts und es gibt keine totale Vergänglichkeit.

In unserem Universum bleibt alles erhalten.

Auch wir.

Wir alle spüren ständig den Geist vergangener Generationen, der in uns weiterlebt.

 

Tatsächlich werden wir in unserer westlichen Gesellschaft auf einen Glaubenssatz konditioniert,

der uns suggeriert,

dass am Ende "alles weg ist" und uns "alles genommen wird".

 

Doch das Unterbewusstsein arbeitet nicht logisch.

Es unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht oder zwischen Wahrheit und Lüge.

 

Das Unterbewusstsein unterscheidet auch im Falle "des letzten Hemdes" nicht,

ob es richtig oder falsch ist,

keine Taschen zu haben.

Es lernt durch unseren "wissenschaftlichen Glauben",d

dass nach dem Tod "alles weg ist".

 

Damit geben wir die Verantwortung,

die wir für unser Leben und für das Leben unserer Mitmenschen tragen, ab.

Wir entziehen uns jeglicher Verantwortung

besonders für die nachfolgenden Generationen.

Indem wir sagen:

"Wenn ich gehe, sind meine Taschen leer."

sagen und glauben wir unbewusst,

dass auch all unser falsches Handeln mit unserem Tod erlischt.

 

Es ist, als würde uns genau dieses letzte Hemd auch von ALLEM entlasten können,

was wir nicht mehr wollen und brauchen.

 

Dabei verdrängen und verleugnen wir,

welchen geistigen und materiellen Müllberg wir im Laufe unseres Lebens ansammeln,

welche (Umwelt)zerstörung wir hinterlassen,

welche Müllberge wir produzieren, die sich nicht mit unserer Sterblichkeit auflösen.

 

Wir verschieben ins Irgendwann und ins Irgendwo…

 

Doch ist es nicht vielmehr so, dass jeder Tag gut genug ist, der letzte zu sein?

Liegt es nicht in unseren Händen,

öfters im Leben Station zu machen

und achtsam zu schauen,

was wir da,

in viel zu vielen Taschen

mit uns herumtragen?

 

„Das letzte Hemd“

- als Symbol dieser Achtsamkeit -

mitten im Leben.

 

Eine Achtsamkeit,

die nicht erst bei unserem letzten Atemzug

Bedeutung haben sollte.

 

LOSLASSEN ist keine Aufgabe,

die wir an unserem Lebensende zu bewältigen haben.

LOSLASSEN ist eine Aufgabe unseres Lebens.

 

 

 

 

 

 

 

Die Geschichte (Leseprobe)

 

Das letzte Hemd

 

Die fabelhafte Geschichte von dem kleinen letzten Hemd…

und wie es doch zu einer Tasche kam

 

Vor nicht allzu langer Zeit, es könnte sich auch gestern oder heute zugetragen haben, da ereignete sich eine besondere Geschichte.

 

Von dieser will ich Euch erzählen…

 

Es war einmal ein kleines letztes Hemd.

Das lebte mit seiner Mutter in einem schönen Häuschen, weit ab von der großen Stadt, am Rande des Waldes.

Hier war das kleine letzte Hemd geboren und hier fühlte es sich wohl.

Die große weite Welt begegnete ihm in seinen Träumen und in den Erzählungen seiner Mutter.

Das kleine Hemd lauschte so gern den Geschichten seiner Mutter.

Dabei war es völlig egal, ob es die kuscheligen Stunden am Kamin oder die lauen Sommernächte auf der Bank vor dem Haus waren. Es liebte die Stunden zu zweit.

Genau in solchen Momenten war das kleine letzte Hemd am aller glücklichsten. Dann war es jedes Mal, als würde die Zeit stehen bleiben. Dann war es, als wäre dieses Leben geradezu für diese Augenblicke geschaffen.

Und es waren diese Augenblicke, in denen sich das kleine letzte Hemd und seine Mama besonders nahe kamen. Das kleine Hemd liebte seine Mutter.

Es liebte, wenn sie erzählte, es liebte, wie sie geduldig und aufmerksam zuhörte und es liebte, dass man neben ihr auch eine Ewigkeit lang nichts sagen musste.

Dabei hatte es komischerweise das Gefühl, besonders gut verstanden zu werden. Denn dann nahm sie ihr Hemdchen meistens noch fester in die Arme oder streichelte es noch ein wenig länger als gewöhnlich.

 

Für seine Mama haben all die Dinge, die um uns herum geschehen, einen Sinn.

Sie sagte:

 „Für alles, was uns passiert, gibt es einen Grund.

Vieles wird uns auf unserer Lebensreise begegnen. Vieles, was uns gefällt, was uns fröhlich und glücklich macht. Doch wir werden auch traurig, wütend und unglücklich sein. Wir werden spüren, dass das Leben auch schmerzt und unsere Herzen werden so manche Stunde wehtun.

Besonders dann werden wir fragen: Warum?

Ja, besonders dann werden wir nach Antworten suchen.

Doch oft bleiben diese Antworten aus.

Gerade im Leid gelingt es uns nicht, Gründe und Sinn zu erkennen.

Für so manches ´Warum´ werden wir keine Lösungen finden, die den Lebensschmerz lindern.

Es gelingt uns nicht, alles mit dem Verstand zu erklären und damit das Leid zu heilen.

Ursache und Sinn liegen jenseits des Denkens, tief in uns drinnen, dort, wo wir fühlen.

Dann ist die Zeit gekommen, unseren Herzen zu folgen.

Dann ist es Zeit, zu trauern und zu weinen.“

 

Ja, genau solche Gespräche mit seiner Mama liebte das kleine Hemd.

 

Doch es liebte auch die Sonne und den Mond, den Regen und den Wind, die Stille des Waldes und das Rauschen des Baches, das sanfte Zwitschern der Vögel und das tosende Gebrüll eines Gewitters.

Und das kleine letzte Hemd konnte nicht aufhören Fragen zu stellen.

Warum ist das Gras grün?

Warum ist der Himmel so blau?

Warum ist mir einmal warm und manchmal so kalt?

Warum gibt es den Sommer?

Warum schneit es im Winter?

Warum habe ich schon tausend Fragen gestellt und warum kommen mit jeder Antwort tausend neue Fragen dazu?

Warum habe ich Millionen Fragen in meinem Kopf?

Warum kann ich nicht aufhören, so viel wissen zu wollen?

Und warum bin ich manchmal traurig?

Und vor allem: Warum will ich das nicht sein?

Die Mutter begann, ihrem Kind von unseren Gefühlen zu erzählen.

"Unsere Gefühle sind genauso bunt wie das Leben selbst. Genau so unendlich und genauso grenzenlos. Alles zwischen freudig und traurig, alles zwischen Gut und Böse. Wir fühlen das ganze Leben.

Tief in unseren Herzen sind wir wie die große weite Welt. Wir sind so tief wie der tiefste Ozean und so hoch wie der höchste Berg. Wir tragen alles in uns und alles kann irgendwann zu uns getragen werden.

Wir lachen, wenn wir glücklich sind.

Wir lieben, wenn wir uns angenommen und geborgen fühlen,

wir sind wütend, wenn uns etwas ärgert,

wir werden ehrgeizig, wenn uns etwas misslungen ist,

wir weinen und sind traurig, wenn uns jemand ablehnt oder verlässt."

 

So, wie wir fühlen, so denken wir. So wie wir denken, so ist unsere Welt.

Es sind die Gefühle, die uns durchs Leben steuern.

 

 

 

Irgendwann, in einer wirklich schönen Sommernacht, fanden sich die beiden mitten unter dem großen, unendlichen Sternenhimmel wieder. In dieser Nacht spürten sie, dass die Natur niemals gewillt ist, sich ganz zur Ruhe zu begeben.

Irgendwo zirpten noch immer die Grillen, flitzten die Mäuschen, folg eine Mücke, schlich noch ein Kätzchen…

In dieser schönen Nacht fragte das letzte Hemd seine Mama:

„Mama, wo ist eigentlich mein Papa? Warum gibt es hier nur dich und mich?“

Darauf antwortete sie:

„ Ja, weißt du mein Hemdchen, dieses Haus hier am Wald und diesen Garten, das haben dein Papa und ich noch gemeinsam geschaffen. Wir waren sehr glücklich dabei, dein Vater und ich. Wir träumten immer von einer großen Familie und wir wünschten uns viele so niedliche kleine Hemden, wie du eines bist.

Aber das Leben hat uns nicht gefragt.

Dein Vater starb, noch bevor all unsere Träume Wirklichkeit wurden. Er musste gehen und vieles von dem, was wir einst so sehr ersehnten, konnten wir nicht gemeinsam leben.“

 „Oh!“ sagte das kleine letzte Hemd, „Die Wünsche und Träume sind so schön, doch warum durfte das meiste nur geträumt bleiben?

Warum gehen sie nicht alle in Erfüllung?

Warum musste mein Papa so früh gehen und vor allem:

Wohin? Sag Mama, Wohin ist mein Papa gegangen?"

 

„Nun“ antwortete die Mutter, „es ist unser aller Bestimmung, irgendwann wieder zu gehen. Wir alle sind hier auf dieser Welt und wir alle werden diese Welt eines Tages wieder verlassen. Niemand weiß, wann dieser Zeitpunkt kommen wird.

 

Das Morgen ist Niemandem versprochen, weder Jung noch Alt.

Jeder Anfang trägt das Ende schon in sich.

Das ist der große Kreislauf des Lebens.

Das ist so bei den Blumen, den Tieren und den Bäumen, bei den Flüssen und den Seen, bei den großen Meeren und den Monden und den Sternen. Und das ist bei uns letzten Hemden nicht anders.

 

Wie im Großen, so erscheinen die Dinge auch im Kleinen.

Vergänglichkeit und Wandel. Das ist das Leben.

Irgendwann kommt die Zeit, dann heißt es Abschied nehmen.

Keiner weiß, wohin wir dann wirklich gehen werden. Es gibt mit Sicherheit eine Wahrheit, doch die kennt hier auf Erden keiner. Deshalb darf jeder seine eigene Wahrheit finden.

Mit dieser Wahrheit ist es, wie mit all unseren Gefühlen.

Jeder hat sein eigenes Glück, seine eigene Trauer, sein eigenes Lachen und sein eigenes Weinen. Wir können nur ahnen, wie andere fühlen. Wissend werden wir nur für uns selbst durch unser eigenes Erleben.

Was ein Verlust tatsächlich mit uns tut, wie sich Trennung oder Tod einer geliebten Seele anfühlen, das erfahren wir dann, wenn uns diese Ereignisse selbst ereilen.

Die Liebe und die Trauer kommen immer Hand in Hand. Sie sind beide stark und sie sind beide schwach.

Wenn Du der Liebe begegnest, dann wirst Du auch der Angst begegnen.

Der Angst, die Liebe zu verlieren.

 

Jeder Moment ist gut genug, um uns etwas Unerwartetes, Unbekanntes zu bringen.

Dann eilt uns das Leben plötzlich um Meilen voraus, es erscheint uns unmöglich, ihm zu folgen.

Es scheint, als stünde die ganze Welt auf einmal still.“

 

Das kleine letzte Hemd wurde bei diesen Gedanken immer trauriger und es begann zu weinen. Und die Mutter streichelte es und sagte:

„Ja, weine, mein Kind, weine ruhig. Wenn du traurig bist im Leben, dann weine.

Und wenn du glücklich bist im Leben, dann lache.

Alles hat seine Zeit.“

Und sie fügte hinzu:

„Vielleicht ist dein Vater so früh gegangen, weil es genau so zu seinem und damit auch zu unserem Lebensweg gehört.“...

 

 

....Dieses reizende Wesen hatte vier, mit Strass besetzte, wunderschöne Taschen.

Und aus einer zog die Hose jetzt eines dieser Handys. Wahrscheinlich versuchte sie damit irgendjemanden Fragen zu beantworten, auf welcher dieser jedoch auch keine Antworten erwartete. Sie stammelte immerzu: „Ja, aber… Das ist… Wie… „ Weiter kam sie meist nicht.

Das ging so eine Weile und das letzte Hemd hatte Gelegenheit, seine Blicke auf ihr ruhen zu lassen.

Es genoss einfach diesen Anblick und versuchte, die störenden Geräusche auszublenden. Es stellte sich dieses Wesen auf der Bank im Garten an einem lauen Sommerabend vor. Und es fragte sich, ob es möglich wäre, mit ihr solche Gespräche wie mit seiner Mutter zu führen.

Ja, genau das stellte sich das letzte Hemd als etwas Wunderbares vor.

Doch irgendwann riss das feine Hemd es aus seinen Träumen.

Es rief, dass es nun höchste Zeit wäre, wieder in die Stadt zu fahren.

Das feine Hemd versprach schnell noch, wiederzukommen. Es schrieb ihm die Telefonnummer auf und sagte: „Ruf mich an! Steck sie dir ein!“

Einstecken?

Ja, wohin? Das letzte Hemd hatte keine Tasche…

 

„Ich habe keine Tasche!“, antwortete deshalb das letzte Hemd.

„Du hast keine Tasche?“, fragten fast zeitgleich das feine Hemd und die hübsche Hose völlig verwundert. „Nein“, erklärte das kleine Hemd noch einmal, „Ich habe keine Tasche. Bei uns letzten Hemden hat niemand eine Tasche.“

 „Ja, aber…“, stammelten die beiden erstaunt, „Das geht doch gar nicht! Wo tust du all die wichtigen Dinge hin? Wie trägst du sie?“

Daraufhin wiederholte das kleine letzte Hemd die Worte, die es so oft von seiner Mutter gehört hatte:

„Alles was wirklich wichtig ist, das trage ich in meinem Herzen.“

 

Du willst uns damit sagen, dass du leben kannst, ohne dass du irgendwelche besonderen nützlichen Dinge hast? Was bist du nur für ein schräger Vogel!“

 

Jetzt lachten die beiden so laut, wie es das letzte Hemd noch nie gehört hatte. Sie lachten und lachten und lachten.

Das letzte Hemd war wieder einmal verblüfft, aber irgendwie auch glücklich, dass es geschafft hatte, diese angespannten Wesen derart erfreuen zu können. Die Hose wurde dadurch, wie sollte es anders sein, noch schöner.

 

Doch in diesem Augenblick stieg aus dem Auto, mit dem die Hose gekommen war, eine große breite Jacke. Sie schien schwer und träge zu sein und sie bewegte sich nur langsam. Sie kam auf die drei zu und polterte mit dunkler Stimme:

„Was geht hier eigentlich ab?

Wisst ihr wie spät es ist?

Wisst ihr nicht, was heute für ein Tag ist?

Was machen wir, zum Donner nochmal, hier am Ende der Welt?“

 

Das letzte Hemd bekam immer mehr den Eindruck, dass hier alle ziemlich wichtig waren. Nur es selbst nicht…

 

Und wie sollte es anders sein. Auch die Jacke schien auf keine Antworten zu warten. Jetzt redeten auf einmal alle durcheinander. Wie hörten sie zu? Das mussten Meister der Verständigung sein. Das kleine letzte Hemd begriff gar nichts.

 

Und diese Jacke! Wen wunderte es, die hatte natürlich auch Taschen!

Eine geheimnisvolle befand sich auf der Innenseite ihrer Brust.

Dorthin bewegten sich hektisch ihre Hände und sie zog aus diesen einen großen Batzen Geld. Den warf sie der schönen Hose vor die Füße. Die dunkle Jacke schimpfte mit ihrer polternden, alles erschütternden Stimme noch lauter und fing an zu toben und zu schreien.

Dann stürmte sie zu dem Auto, mit dem die beiden gekommen waren. Mit diesem raste sie davon, ohne sich noch einmal umzuschauen.

 

Das letzte Hemd sah wie traurig die Hose war. Es fühlte ihren Kummer und es sah die große Traurigkeit in ihren Augen.

Aber die Hose weinte nicht.

Die wunderschöne Hose war unendlich traurig, doch sie weinte nicht.

Das irritierte das letzte Hemd. Tiefes Mitgefühl stieg in ihm auf.

Die Hose hob das Geld auf und steckte es in eine ihrer Taschen.

Neben ihr stand hilflos das feine Hemd.

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